Was wäre die (Welt-)Literatur ohne Übersetzer?

 

Welche Rolle spielen Übersetzerinnen und Übersetzer im Literaturbetrieb? Ist Weltliteratur überhaupt ohne sie denkbar? Und wie lässt sich übersetzerische Tätigkeit adäquat fördern und würdigen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion, zu der das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) in Kooperation mit „Weltempfang“, einem Gemeinschaftsprojekt der Frankfurter Buchmesse und des Auswärtigen Amts, einlud. Es diskutierten – moderiert von FAZ-Feuilletonredakteur Fridtjof Küchemann – die Buchhändlerin Susanne Bader, die Romanistin und Übersetzerin Elisabeth Edl, Dr. Charlotte Ryland, Direktorin des Stephen Spender Trust und der Forschungsinitiative Translation Exchange an der Universität Oxford, sowie die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach Prof. Dr. Sandra Richter.

Als „Summe dessen, was in literarischen Übersetzungen vorliegt“, definiert Elisabeth Edl den von Goethe geprägten Begriff der ,Weltliteratur‘ und grenzt ihn von dem des ,Kanon‘ ab. Aus der virtuellen Gesamtheit von Übersetzungen aller Sprachen entstehe eine weltweite, kollektive Vorstellung eines Werkes – eine „weltliterarische Idee“, die seine Rezeption wesentlich beeinflusse. Nach ihrem persönlichen Arbeiten gefragt, erklärt Edl, die unter anderem Stendhals Le Rouge et le Noir und Gustave Flauberts Madame Bovary übersetzt hat und bereits vielfach ausgezeichnet wurde: „Ich arbeite sehr langsam und feile an stilistischen Feinheiten. Das Herumtüfteln bereitet mir Freude.“ Sie übersetze keine Geschichten, sondern Stil.

Susanne Bader kann in ihrer Freiburger „Buchhandlung zum Wetzstein“ den Trend beobachten, dass – quer durch alle Altersgruppen – zunehmend Titel in Originalsprache nachgefragt werden: Leser wollen ihre Sprachkenntnisse verbessern, außerdem in fremde Sprachen und Kulturen eintauchen. Das können, im Falle von Zugezogenen, auch die deutsche Kultur und Sprache sein.

„Übersetzungen dokumentieren die Lesart ihrer Zeit“, sagt Bader. „Wenn Sie das weiterdenken, kann eine Übersetzung mehr leisten als das Original.“ Während sich das Original nicht verändere, bilden Übersetzungen die jeweilige Denkart ihrer Zeit ab.

In Großbritannien hat internationale, in die englische Sprache übersetzte Literatur einen schweren Stand: Auf dem Buchmarkt macht sie lediglich 3% aus. Charlotte Ryland ist es deshalb ein Anliegen, die britische Leserschaft für mehr Weltoffenheit und mithin für ausländische Literatur zu begeistern. Hierfür bedürfe es eines kulturellen Wandels, zu dem nicht unwesentlich die Übersetzer selbst beitragen, indem sie ihre Tätigkeit nicht allein aufs Übersetzen beschränken, sondern zugleich als engagierte Advokaten und Vermittler internationaler Literatur auftreten. Auch bemühen sie sich um eine höhere Visibilität, etwa mit der auf Twitter kursierenden #namethetranslator-Kampagne. Ryland appelliert: „We have to stop pretending that a translation is something problematic, and instead think about the idea of mediation and cultural exchange – something that is always a gain rather than a loss.

Anhand von Beispielen aus dem Marbacher Archivbestand führt Sandra Richter vor Augen, wie unterschiedlich übersetzerisches Arbeiten sich gestalten kann: So zeugt Helen Hessels Notizbuch davon, dass sie Vladimir Nabokovs Lolita intuitiv und schnell ins Deutsche überträgt, bisweilen auch Wort für Wort. Ein ganz anderes Bild zeichnet dagegen das Schreibmaschinenmanuskript Hans Wollschlägers, der sich Finnegans Wake von James Joyce annimmt: Immer wieder greift Wollschläger, selbst Autor, korrigierend in seine Übersetzung ein und ist, auch im Übersetzen, als Autor tätig. Richter spricht sich für ein Sichtbarmachen des Übersetzers aus, dessen Rolle als „zweiter Autor“ im literarischen Feld noch nicht hinreichend theoretisiert und beschrieben sei. Schon die Übersetzungshistorie von Goethes Werther mache jedoch deutlich, welche Wirkmacht literarische Übersetzungen haben können und dass sie Verständnis zwischen den Kulturen generieren. „Gute Übersetzungsarbeit ist dann möglich, wenn wir den Übersetzern ein sicheres Auskommen geben“, erklärt Richter. „Dafür sind adäquate Förderung und Anerkennung vonnöten.“

Weltliteratur als übersetzte Literatur – das war auch das Thema der vom 25. bis 27. November 2019 im DLA und vom 28. bis 29. November 2019 im IMEC in Caen stattfindenden Tagung „Übersetzernachlässe in globalen Archiven“. Während bei der Tagung in Marbach literarisches Übersetzen im Mittelpunkt stand, lag der Fokus der korrespondierenden Veranstaltung in Caen auf Übersetzungen theoretischer und philosophischer Texte. Das DLA verfügt über zahlreiche Übersetzervorlässe und -nachlässe, deren Forschungswert es zu befragen gilt. Die von der Robert Bosch Stiftung geförderte Veranstaltung fand in Verbindung mit der Fondation Maison des Sciences de l’Homme (FMSH), Paris, und dem Institut Mémoires de l’édition contemporaine (IMEC) in Caen statt.

Zum Tagungsprogramm

Bericht von Giovanna-Beatrice Carlesso