Thomas Manns Bibliothek in den USA und Kanada (Anke Jaspers, Andreas Kilcher)

Thomas Mann am Schreibtisch in Pacific Palisades

Als Katia und Thomas Mann 1952 in die Schweiz zurückkehrten und dort in Kilchberg bei Zürich ein neues Zuhause fanden, blieb ein großer Teil der Privatbibliothek im kalifornischen Pacific Palisades zurück. Katia beauftragte ihren Neffen Klaus Hubert Pringsheim, Sohn ihres Zwillingsbruders Klaus, mit dem Verkauf dieser amerikanischen Teilbibliothek, zu der auch eine Sammlung von etwa 300 Schelllack- und Langspielplatten gehörte. Nach eigener Aussage verkaufte Klaus Pringsheim den Großteil der ca. drei- bis viertausend Bücher zu einem Stückpreis von 5 Cent an einen Buchhändler in Santa Monica, behielt aber eine Sammlung von Büchern als Grundstock seiner eigenen Bibliothek. Auch die Schallplattensammlung begleitete ihn, bis er sie 1996 an das Deutsche Musikarchiv in Leipzig verkaufte (heute sind in der Sammlung noch 132 Schallplatten erhalten). Mit seiner zweiten Frau zog Klaus Pringsheim nach Kanada, wo er von 1966 bis 1988 einen Lehrstuhl für chinesische und japanische Politik an der McMaster University in Hamilton innehatte, die heute auch seinen Nachlass verwaltet.

Der Literaturwissenschaftler Andreas Kilcher und die Literaturwissenschaftlerin Anke Jaspers (beide ETH Zürich) reisten im September und November 2017 im Rahmen der Initiative Global Archives mit Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg nach Hamilton (Kanada) und Los Angeles (USA), um im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Geschichte der Nachlassbibliothek von Thomas Mann den Verbleib der amerikanischen Teilbibliothek zu recherchieren.

Die Buchexemplare aus der amerikanischen Bibliothek der Familie Mann haben sich weit verstreut. Sie zirkulieren auf dem kalifornischen Markt für antiquarische Bücher oder sind Teil von privaten und öffentlichen Büchersammlungen geworden. Ziel des Rechercheaufenthalts in den USA und Kanada war, den Spuren der Bücher in kalifornischen Buchhändlerkatalogen, in Nachlässen und privaten oder öffentlichen Bibliotheken nachzugehen. So lässt sich zum einen die Provenienz einzelner Bücher rekonstruieren und befragen und zum anderen die Nachlassbibliothek Thomas Manns im Thomas-Mann-Archiv an der ETH Zürich zumindest virtuell um Titel erweitern, die einmal Teil ihres Bestands waren.

Die Ergebnisse der Recherchen stellte Anke Jaspers am 15. Dezember 2017 auf der Tagung "Der komplexe Faden der Herkunft: Provenienz" (13.–15. Dezember 2017, Wissenschaftskolleg zu Berlin) des Projekts "Autorenbibliotheken" im Forschungsverbund Marbach-Weimar-Wolfenbüttel vor. Außerdem erscheint ein kommentiertes Fundstück aus dem Pringsheim-Archiv in der Zeitschrift für Ideengeschichte (2018). Im Juni werden die fortlaufenden Projektergebnisse zur amerikanischen Bibliothek Thomas Manns auf dem Workshop "World Literature, Intellectual History, Provenance Research: Thomas Mann's American Library" vorgestellt. Das Programm finden Sie hier.