Nervöse Leiden bei Thomas Mann, Friedrich Nietzsche und Adrian Leverkühn oder: Thomas Mann schreibt Denglisch (Anke Jaspers)

Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich

Beim „Lunch“ oder bei „Beer and Cheese“ mit den amerikanischen Professoren, Verlegern, Buchhändlern und Gelehrten Konversation zu betreiben, war für Thomas Mann eine große Herausforderung, als er im Februar 1938 seine Gastprofessur an der Princeton University antrat, nachdem er mit seiner Familie auf der „Queen Mary“ in die USA ausgewandert war. Mit einem abwertenden „Englisch gestümpert“ beurteilte er seine Sprachkenntnisse nach einer Haus-Party bei Bekannten am 13. März 1938 im Tagebuch. Die geplanten Vorträge und Vorlesungen in der neuen Heimat hatte der Nobelpreisträger noch in der Schweiz vorbereitet, übersetzen lassen und eingeübt. Wenn es allerdings Fragen aus dem Publikum gab, war er vorerst darauf angewiesen, dass Tochter Erika für ihn dolmetschte. Sie übersetzte seine Reden, half beim Verfassen der englischen Korrespondenz und trainierte auch seine Aussprache, so dass Thomas Mann bereits im Juni berichten konnte, er habe beim Tee „Englisch gesprochen“. Lustvoll fügte er fortan die fremde Alltagssprache in seine Notizen ein, fuhr mit der „Subway“, trank „Juice“ und gab „Speeches“. Schon immer ein passionierter Zeitungsleser, las er auch im amerikanischen Exil die New York Times, später die Los Angeles Times, die wöchentlich erscheinende The Nation und das Magazin The New Yorker. Er besuchte Theateraufführungen und ging vor allem im kalifornischen Pacific Palisades, wo er von 1941 bis zu seiner Rückkehr in die Schweiz im Jahr 1952 lebte, leidenschaftlich gern ins Kino. Bereits in den zwanziger Jahren hatte er Werke der englischsprachigen Literatur kennengelernt, von Charles Dickens, Edgar Allen Poe oder Walt Whitman. Im amerikanischen Exil dann füllte sich seine Bibliothek immer mehr mit englischer und amerikanischer Literatur, die er von Verlagen und jungen, vorrangig männlichen Autoren zugesendet bekam, sowie der englischsprachigen Primär- und Sekundärliteratur seines Werks.

Die Lektüre- und Benutzungsspuren in den Büchern und Zeitschriften seiner Bibliothek zeigen, was und wie er las.

Studien haben dargestellt, dass LeserInnen dazu tendieren, Texte in der Sprache zu annotieren, in der diese verfasst sind: Thomas Mann, der fremde und eigene Werke gerne mit dem Bleistift las, war hierin keine Ausnahme. Während der Arbeit am „Doktor Faustus“ zwischen 1943 und 1947 las er viel in englischsprachigen Büchern. Er studierte unter anderem das Werk des englischen Musikkritikers Ernest Newman, dessen Bücher im Verlag von Alfred A. Knopf in New York erschienen, der auch die englischen Übersetzungen der Werke Thomas Manns veröffentlichte. Mehrfach las Mann in der vierbändigen Wagner-Biographie „Life of Richard Wagner“, unter anderem zu Newmans These, dass Nietzsches Bruch mit Wagner auf Eifersucht beruhe. Selbst ein Nietzsche-Kenner, korrigierte Mann den Autor in der Annahme, dass Nietzsche nur eine „imperfect idea“ des Rings gehabt habe, und notierte „knows it by heart“ an den Rand. Damit meinte er, dass Nietzsche den Ring tatsächlich auswendig kannte.

Schon früh hatte Mann bei Nietzsche die Verbindung von Künstlertum und (tödlicher) Krankheit gefunden, die ihn selbst seit jungen Jahren beschäftigte und die auch zu einem zentralen Thema seines letzten großen Romans werden sollte. Der Tonsetzer Adrian Leverkühn, der den Pakt mit dem Teufel eingeht, um die großen Werke seines Lebens zu schreiben, vollendet erst nach „Affektionen des Halses und qualvollen Migräneattacken“ sein Meisterwerk, die Sinfonische Kantate Dr. Fausti Weheklag, bevor er in der Pflege seiner Mutter nach zehnjährigem Siechtum an Syphilis stirbt.

In Nietzsches Briefen las Thomas Mann immer wieder, so auch, als er Ende 1944 am „Teufelsgespräch“ für den „Doktor Faustus“ schrieb: Brieflich berichtete der 27-jährige Nietzsche im Mai 1872 seinem Freund und ehemaligen Kommilitonen Erwin Rohde von einer „Gürtelrose am Nacken“, die ihn nicht davon abhalten sollte, zur Grundsteinlegung des Festspielhauses in Bayreuth und einem Wiedersehen mit Richard Wagner zu reisen. Thomas Mann selbst litt, während er im Frühjahr 1939 an der Faustus-Vorstudie „Lotte in Weimar“arbeitete, mehrere Wochen an einem Reißen im Ohr und am Kopf, an empfindlichen Hautnerven und Ausschlag am Hals. Von einem jungen Arzt in Princeton erhielt er die Diagnose, welche Mann, die Symptome und den Fortlauf seiner Krankheit dokumentierend, im Tagebuch festhielt: „shingles“, eine Gürtelrose, die er mit Salben und Schmerzmitteln behandelte. In Nietzsches Briefen unterstrich Mann nicht nur das Krankheitsbild des Philosophen, er notierte auch in modernem Denglisch die Übersetzung in deutscher Schreibweise „shingels“ an den Rand des deutschsprachigen Briefs.

Unter dem Eindruck einer gerade überstandenen Grippe-Infektion und Zahnbehandlung stellte Thomas Mann beim Verfassen des Teufelsgesprächs also seine erworbenen Englischkenntnisse unter Beweis. In der Marginalie verdichten sich Biographie, Lektüre und Textproduktion. Auch die damaligen Tagebücher sind von englischen Wörtern, amerikanischen Redewendungen und Zitaten aus der Lektüre und vom Radiohören durchzogen, Anglizismen häufen sich im Tagebuch ebenso wie im Doktor Faustus. Sie belegen, ebenso wie die deutsche Schreibweise in der Wortendung „shingels“, wie sich im amerikanischen Exil beide Sprachen, Deutsch und Englisch, im Leben, Denken und Schreiben verflochten haben. So gilt nicht nur „Doktor Faustus“, der Roman über die deutsche Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, entstanden im Exil und beeinflusst von den globalen Ereignissen der vierziger Jahre, als ein Werk der Weltliteratur. Angefangen bei den Übersetzungen seiner eigenen Werke über die internationale Literatur der Zeit bis zu den mehrsprachigen Lesespuren ist auch Thomas Manns Bibliothek eine Büchersammlung, in der sich die globale Zirkulation von Büchern und Ideen sowie die Migrationsbewegungen von Autorinnen und Autoren widerspiegeln.