Montevideo, Uruguay: Der Nachlass des Schriftstellers Ludwig Neuländer

Ludwig Neuländer. Thomas Lowy Privatarchiv. © Edgar Sichel
Manuskript des Theaterstücks „Cuestión de precio“. Die Uraufführung war im Jahr 1983 in Teatro del Centro, Montevideo.
Zeitungsauschnitt über das Theaterstück „Todos en Paris conocen“. Thomas Lowy Privatarchiv.

Im Jahr 2018 wurde im Rahmen der Global Archives Initiative von Leticia Hornos Weisz (Universidad de la República, Montevideo) ein erster Forschungsüberblick zum deutschsprachigen Exil in Uruguay erstellt. Eine in diesem Zuge durchgeführte Sondierung der Nachlässe deutschsprachiger Exilanten ergab, dass viele Nachlässe sich heute in Privatarchiven, in der Regel bei direkten Nachkommen, befinden. Andere sind verstreut oder ihr Schicksal ist unbekannt. Darüber hinaus wurde ein erstes Erschließungsprojekt durchgeführt: Der Nachlass von Ludwig Neuländer (geb. 1923 in Beuthen, gest. 1979 in Montevideo) wurde im November 2018 erschlossen und steht heute der Forschung zur Verfügung.

Der von Hornos Weisz erstellte Forschungsüberblick bestätigt den starken Einfluss der künstlerischen Aktivitäten von deutschsprachigen Exilanten in den 1940er Jahre in Uruguay, vor allem im Bereich des unabhängigen Theaters. Die Theatergruppe Die Komödie, im Jahr 1941 gemeinsam von dem österreichischen Theaterkritiker Fred Heller und dem Regisseur Albert Maurer gegründet, engagierte professionelle und Hobbyschauspieler. Für erstere bedeutete dies eine Chance, im Exilland beruflich Fuß fassen zu können. Für letztere bedeutete Die Komödie das Weiterleben ihres kulturellen Erbes im Aufnahmeland.

Während die Besinnung auf ihre Herkunft für einige Emigranten auch nach Jahren im Exil zu einem Grundstein ihres Selbstverständnisses gehörte, wollten andere sich nicht weiter über ihre nationale Zugehörigkeit definieren lassen. Der Übersetzer, Kritiker und Dramaturg Ludwig Neuländer publizierte beispielsweise in Uruguay unter dem Pseudonym Luis Novas Terra. Mit diesem Schritt wollte Neuländer verhindern, dass seine literarischen Schöpfungen gleich als ausländische Literatur erkennbar waren. Novas Terra, wie er heute in Uruguay bekannt ist, verfasste sein gesamtes Werk auf Spanisch. Ironischerweise war es jedoch eben der Entschluss, die Sprache seines Exillandes als Dichtersprache zu verwenden, der seinen Versuch, sich als Autor in Uruguay zu etablieren, gefährdete. Kritiker bemängelten anfänglich die „überfremdete“ Patina des Spanischen von Novas Terra und die wiederholte Thematisierung von „universalen“ Motiven. Erst später erfuhr Novas Terra für die Originalität, Kreativität und künstlerische Entwicklung seines Werks Anerkennung.

Im Unterschied zu den Mitgliedern von Die Komödie integrierte sich Novas Terra vollständig in den uruguayischen Kulturbetrieb. Die Latinisierung seines Namens und seine vor allem auf Spanisch verfassten literarischen Texte sind nur ein Teil dieses komplexen und einzigartigen Phänomens.

Novas Terra war ein junger Mann von sechzehn Jahren als er im Jahr 1939 mit seiner Familie in Montevideo ankam. Dank seiner enormen Leistungsfähigkeit im Erlernen von Sprachen integrierte er sich schnell in das kulturelle Leben Uruguays. Sein Name erschien in Artikeln der kulturellen Presse Montevideos und in Übersetzungen von avantgardistischen Theaterstücken. Unter seinen Übersetzungen stechen Georg Büchners Woyzeck und Werke von Arthur Schnitzler wie Liebelei (Amorío) und Der grüne Kakadu (La cacatúa verde) hervor, die alle zwischen 1958 und 1961 zum ersten Mal auf Theaterbühnen in Uruguay aufgeführt wurden. Bis Anfang der 1960er Jahre schrieb Novas Terra ausschließlich Theaterstücke. Durch seine Musical-Komödie Todos en París conocen (1960) erlangte er schließlich in Uruguay – und international – große Anerkennung. Das Werk wurde in verschiedene Sprachen und (von Novas Terra selbst) ins Deutsche als Jeder Mann kennt in Paris übersetzt, wie Materialen in seinem Nachlass belegen. Im Jahr 1966 übersetzte er mit dem Schauspieler und Regisseur Frederico Wolff (1926–1988) Marat/Sade von Peter Weiss ins Spanische. Noch im September des gleichen Jahres wurde das Stück zum ersten Mal in Montevideo aufgeführt, und zwar vom Teatro Universal, einer von Wolff gegründeten unabhängigen Theaterkompanie.

Novas Terras Nachlass befindet sich heute in Montevideo im Besitz von Thomas Lowy, eines Vorstandsmitglieds des Museums für präkolumbische und indigene Kunst (MAPI). Er umfasst originale Manuskripte von Novas Terras Werken sowie einen großen Teil der Theaterstücke und Übersetzungen. Novas Terras deutsche Übersetzungen seiner eigenen, ursprünglich auf Spanisch verfassten Bücher machen diese Sammlung einzigartig. Fotografien und Diapositive von verschiedenen Theaterinszenierungen von Terra Novas Werken zeigen die Bedingungen des uruguayischen Theaterbetriebs der Epoche. Diese Bilder dokumentieren die Arbeit von Regisseuren und Schauspieler (überwiegend Uruguayer, aber auch Exilanten), wie beispielsweise die des österreichischen Schauspielers Enrique Okret (1928–1999), der 1938 nach Uruguay emigrierte. Zeitungsausschnitte, Programmhefte, private Dokumente und Korrespondenzen ermöglichen die Rekonstruktion eines intellektuellen und künstlerischen Profils von Novas Terra und der lokalen kulturellen Szene in den 1960er und 1970er Jahren. Novas Terras Werk – seine Übersetzungen und die in verschiedenen Sprachen verfassten literarischen Texte – entzieht sich einer eindeutigen Zuordnung zu einem nationalen Kanon. Das durchgeführte Erschließungsprojekt hat zum Ziel, das Erbe eines der einflussreichsten Exilkünstler in Uruguay der Forschung und der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.  Eine genaue Übersicht zu den Beständen des Nachlasses Ludwig Neuländers findet sich hier.

 

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