Israel: Der Nachlass von Leo Kestenberg im Archive of Israeli Music an der Tel Aviv University

Während das Wirken Leo Kestenbergs (1882-1962) in der Weimarer Republik zahllose Spuren hinterlassen hat, blieben die Informationen über sein Wirken nach seiner Vertreibung aus Deutschland und später aus der Tschechoslowakei spärlich. Erst 2003 begann Ann-Kathrin Seidel, eine Studentin der Musikwissenschaften, die Dokumente aus dem Kestenberg-Nachlass in Israel zu ordnen und systematisch zu erfassen. Im Zusammenhang mit der Vorbereitung der internationalen Kestenberg-Konferenz, die 2007 in Berlin stattfand, setzte sie die Arbeit im Auftrag des Archivs der Universität der Künste Berlin fort, betreut von Prof. Wilfried Gruhn, dem Gründungsvorsitzenden der Internationalen Leo Kestenberg Gesellschaft.

Der weitaus größte Teil des Nachlasses befindet sich im Archive of Israeli Music der Tel Aviv University Arts Faculty. Leo Kestenberg, der als Generalmanager des Palestine-Orchestras nach Tel Aviv gekommen war, gründete 1945 nach seinem Ausscheiden aus dieser Tätigkeit eine musikalische Ausbildungseinrichtung für Musiklehrer in Kindergärten und Volksschulen, die Midraschah leMenchanchim leMusika, die er bis 1953 leitete. Es war sein Nachfolger, Herzl Shmueli, der an der Tel Aviver Universität das Archive of Israeli Music einrichtete und dort auch den Nachlass übernahm.

Weitere Materialien, Fotos und Briefe fanden sich im Archiv des  Israeli Philharmonic Orchestras, im Music Department in the National Israeli Sound Archive der Hebräischen Universität Jerusalem sowie in privaten Beständen der Enkelin Rachel Epstein.

Der Nachlass umfasst neben Zeitungsartikeln und Fotografien, Bücher und Manuskripte Kestenbergs. Die Schriften aus seiner Berliner Zeit (bis 1933) befassen sich überwiegend mit den Reformen des Musiklebens zur Zeit der Weimarer Republik, teilweise auch als "Kestenberg-Reform" bekannt. Die Manuskripte aus der Prager Zeit (1933-1938) behandeln musikwissenschaftliche Themen und allgemeiner das Verhältnis von Musik und Gesellschaft. Aus Israel/Palästina finden sich Aufsätze über das Palestine-Orchestra, über bedeutende Komponisten, über Musikpädagogik und die damals in der Gründung befindliche International Society für Music Ecucation (ISME).

Den größten Teil des Nachlasses aber machen die 687 Briefe mit mehr als 200 Korrespondenzpartnern aus. Es handelt sich in der Mehrzahl um Durchschläge der Briefe, die Kestenberg geschrieben hat. Das Archiv wurde von Ann-Kathrin Seidel nach Name, Körperschaft, Themengruppen, Datum und Namen der Korrespondenzpartner sortiert. Für die Datenbank wurden zusätzlich alle in den Briefen genannten Personennamen und aufgeführten Institutionen erfasst sowie Kurzdarstellungen des Briefinhalts aufgenommen.

Das Findbuch kann hier eingesehen werden.

Andreas Eschen