Guangzhou, China: Klara Blum im chinesischen Exil

Auf dem Bild sieht man Blums Anmerkung sowie die Notizen ihres Adoptivsohns ZHANG Penggao zur Lyrikübersetzung. Dokumente im Privatbesitz der Familie Zhang.

Auf der Suche nach ihrem verschwundenen chinesischen Geliebten, dem Theaterregisseur Zhu Rangcheng (1903–1943), zog die jüdische Schriftstellerin Klara Blum (auch Dshu Bai-Lan朱白兰, 1904–1971) von Moskau über mehrere europäische Zwischenstationen schließlich im Jahr 1947 nach China, wo sie 1954 die chinesische Staatsbürgerschaft annahm und 1963 Mitglied des Allchinesischen Schriftstellerverbands wurde.

Als überzeugte Zionistin verband sich Klara Blums Leben in einem zunehmend antisemitischen Zentraleuropa mit einer konstanten Suche nach einem sicheren Lebensort (1904 Geburt in Czernowitz; 1913 Umzug nach Wien; 1929 Reise nach Palästina; 1934–1945 Aufenthalt in Moskau; 1945–1947 Umwege über Rumänien, Luxemburg und Frankreich). Ihre Immigration nach China hingegen war von historischen Ereignissen Chinas wie z.B. der Gründung der Volksrepublik 1949, der Reform der Hochschulbildung 1952 und der Kulturrevolution der 60er und 70er Jahre geprägt. Man kann Blums Spuren in China über mehrere Städte hinweg folgen: Shanghai als Ankunftsort, wo Blum an ihrem Roman "Der Hirte und die Weberin" (1951) schrieb und schließlich in der Bibliothek des Fremdsprachencollege (heute: Shanghai International Studies University) arbeitete sowie von Februar bis September 1952 an der Fudan Universität Deutsch unterrichtete; Beiping (heute Beijing), wo die Suche nach ihrem Mann weiterhin vergeblich blieb; Nanjing, wo sie im Zuge der Hochschulreform als Deutschprofessorin an die Nanking Universität versetzt wurde; und schließlich Guangzhou, wo sie sich an der Gründung des germanistischen Instituts der Sun Yat-sen Universität beteiligte und weiterhin literarische Werke verfasste, darunter ihren bisher nur teilveröffentlichten Roman "Schicksalsüberwinder".

Im Archiv der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou, der letzten Lebensstation Klara Blums, wird Blums Personalakte, inklusive ihres Nachrufs und biographischer Selbstzeugnisse, aufbewahrt. Bevor Blum am 5. Mai 1971 an einer Leberzirrhose verstarb, vertraute sie ihren Nachlass ihrem Adoptivsohn ZHANG Penggao (1931–2014) an. Zhang war ein Student Blums gewesen und wurde später zu ihrem Assistenten und Kollegen. Unter den neu entdeckten Dokumenten im Privatbesitz der Familie Zhang befinden sich nicht nur handschriftliche Dokumente und Manuskripte Blums, sondern auch Blums deutsche Übersetzungen der Gedichte des chinesischen Staatschefs Mao Zedongs (Mao Tse-tung), die besondere Aufmerksamkeit erwecken. Blums Referenzquellen und das Vorhandensein zahlreicher überarbeiteter Versionen der Gedichte stellen einen sonderbaren Übersetzungsprozess dar, welcher die Frage aufwirft: Wie übersetzt man, ohne die Ausgangssprache vollkommen zu beherrschen?

Unterstützt durch die Nachkommen Zhangs initiierte der chinesische Germanist Prof. em. LIN Jia aus Guangzhou Januar 2018, der sich mit der chinesischen Edition von Blums Leben und Werk beschäftigt, zusammen mit Prof. em. PENG Nianci (Schwiegertochter Zhangs), ein gemeinsames Buchprojekt, bei dem auch Zeitzeugen und ehemalige Studenten Blums wie Prof. em. LI Zhongmin und Prof. em. MA Guiqi mitwirken. Das zunehmende Forschungsinteresse an Klara Blum in China zeigt sich auch an dem „Oral History Project“ (2016–2018) des Fremdspracheninstituts der Sun Yat-sen Universität, das einen Dokumentarfilm Blum gewidmet hat.

Die Erschließung der Archivbestände Klara Blums weltweit und die Erforschung ihres Nachlasses ermöglichen es, ihre Lebensdaten und ihre literarischen Beschäftigungen zu fundieren sowie eine Grundlage für zukünftige Forschungsansätze zu schaffen. Die Archivbestände bergen Potenzial nicht nur für die internationale Germanistik, sondern auch für unser Verständnis von Exilliteratur in globalen Zusammenhängen.

Xiaocui Qiu