Großbritannien: Nachlass von Alphons A. Barb im Warburg Institute erschlossen

Alphons A. Barb (1901-1979) um 1930 (mit freundlicher Genehmigung der Familie Barb)

Alphons A. Barbs (1901-1979) Lebensweg umspannte diverse akademische Interessen, die von griechischer Numismatik und Archäologie, dem Thema seiner 1924 verfassten Dissertation, über österreichische Geschichte, das Kuratieren in Museen, esoterische und okkulte Traditionen, Kunstgeschichte bis zur Rezeption der Antike reichten. Als Sohn einer jüdischen Wiener Familie mit bescheidenen finanziellen Mitteln schloss er zwei Ausbildungen ab – als Goldschmied und als Altphilologe –, bevor er 1926 nach Eisenstadt zog, wo er eine entscheidende Rolle bei der Gründung des Landesmuseum Burgenland spielte. Nachdem er im nächsten Jahrzehnt stark mit archäologischen Ausgrabungen in dieser Region beschäftigt war, wurde er gezwungen, seinen Beruf aufzugeben und ging 1938 nach den Ereignissen um den sogenannten Anschluss ins Exil. Es folgte eine schwere Zeit, während der Barb auf der Isle of Man interniert war und später als Maschinist in Leeds arbeitete. 1949 fand er schließlich eine Anstellung als Bibliothekar und eine enge akademische Gemeinschaft im Londoner Warburg Institute, wo er bis zu seinem Ruhestand und darüber hinaus bleiben sollte.

Innerhalb der Initiative Global Archives wurde Barbs Nachlass, der sich im Warburg Institute in London befindet, nun erstmalig detailliert erschlossen und für Forscherinnen und Forschern zugänglich gemacht.

Die Nachlass-Materialien Alphons Barbs im Warburg Institute erstreckten sich im Originalzustand über 54 Kisten handschriftlicher Dokumente und weitere 8 Kisten mit Gipsabgüssen und Illustrationsblöcken. Diese waren zu Beginn des Projekts größtenteils unsortiert, so wie sie nach Barbs Tod hinterlassen wurden. Die verstreuten und disparaten Materialien enthielten ausführliche Korrespondenzen, eine große Reihe handschriftlicher Notizen, Zitate und Entwürfe, zahlreiche Ausschnitte aus Zeitungen und akademischen Zeitschriften sowie viele Fotografien von archäologischen Ausgrabungen.

Die Sammlung zeigt Barb als einen Mann mit scharfem Verstand und einzigartigem Engagement, einer, der seine Projekte zeit seines Leben mit voller Hingabe verfolgt hat.

Während er vor dem Krieg Beiträge zu Fluchtafeln verfasst hat, folgten in den 1960er-Jahren ausgedehnte Essays zu okkulten Praktiken. Sein früh ausgeprägtes Interesse für Numismatik führte zu engen Kontakten mit anderen Wissenschaftler/innen in ganz  Europa im Laufe seiner gesamten Karriere. Aufgrund seines Interesses für Amulette und die Intaglio-Technik wurde er ab den 1950er-Jahren zu einem weltweit anerkannten Experten für antike Gemmen.

Im ursprünglichen Zustand war der Nachlass wegen Barbs ständiger Neubearbeitung vergangener Projekte sehr unübersichtlich. Nach der systematischen Erschließung ist es möglich, der Entwicklung von Barbs Interessen über die Jahrzehnte und über nationale Grenzen hinweg zu folgen. Obwohl Barb nach dem „Anschluss“ Österreichs und seiner anschließenden Flucht ins Exil nicht länger als Direktor des Landesmuseum Burgenland arbeiten durfte, klang sein Interesse an der Region, der er seine Ressourcen unermüdlich widmete, nicht ab. Nach seiner Zeit in Leeds, als Barb sich im akademischen Umfeld am Warburg Institute wieder etabliert hatte, setzte er die Korrespondenz mit seinen Kontakten in Eisenstadt fort, kehrte zu zahlreichen Besuchen zurück, trug zu den Burgenländischen Heimatblättern bei und erhielt ein ausgeprägtes Interesse an österreichischer Archäologie aufrecht. In späteren Jahren wuchs sein Ansehen nachdrücklich, seine Kreise weiteten sich aus – auf Kollegen in Nordamerika, Israel und weiten Teilen Europas.

Barbs jetzt zugänglich gewordener Nachlass ist für alle Wissenschaftler/innen aus seiner Heimat Österreich sowie für Forscher/innen aus dem Bereich der klassischen Archäologie und der weiteren Antike-Rezeption sowie für die Exilforschung von Bedeutung.

Die Erstellung des Katalogs gliederte sich in drei Phasen. Zunächst wurde die Sammlung gründlich gesichtet, um zu ermitteln, welche Materialien enthalten sind. In der zweiten und zeitintensivsten Phase stand die Reorganisation von Barbs Materialien nach Projekten und thematischen Bereichen an sowie das Separieren der Korrespondenzen, (womit die Sammlung an die grundlegende Ordnungsstruktur des Warburg Archivs angepasst wurde). Im dritten und letzten Schritt wurde der Katalog erstellt, der es Nutzer/innen erleichtert, die Materialien von Interesse zu finden.  Der Katalog wird für Nutzer/innen in Kürze zugänglich sein und soll langfristig in die Online-Datenbank des Warburg Institutes integriert werden.

 

[Text: Samuel Thompson, Übersetzung: Sonja Arnold]