Dietikon, Schweiz: Der Doppelnachlass Conrad Westpfahl und Inge von Holtzendorff-Westpfahl

Der 1891 in Berlin geborene Maler Conrad Westpfahl und die Dramatikerin Inge von Holtzendorff-Westpfahl, geboren 1896 in Fiesole bei Florenz, lebten von 1934 bis 1939/40 in Griechenland.

Auslöser für die Entscheidung zur Emigration scheint die kurz zuvor erfolgte, behördliche Schließung einer Ausstellung Conrad Westpfahls in Stuttgart gewesen zu sein. In jedem Fall musste der Maler aufgrund der jüdischen Abstammung seiner Mutter Bertha unter dem NS-Regime mit vielfältigen Repressionen rechnen. Inge Westpfahl wiederum gehörte dem Kreis um den deutsch-jüdischen Philosophen Constantin Brunner (1862–1937) an, der bereits 1933 selbst ins Exil gegangen war. Ihr literarisches Debüt, eine 1920 bei Oesterheld in Berlin unter dem Titel "Die Dramen" erschienene Sammlung von Theaterstücken, hatte sie Brunner gewidmet.

In Griechenland gelang es Conrad und Inge Westpfahl vergleichsweise schnell, sich ins kulturelle Leben zu integrieren. So erhielt Conrad Westpfahl in Athen wiederholt die Gelegenheit zu Einzelausstellungen; Inge von Holtzendorff-Westpfahl fand in dem Dichter und Romancier Nikos Kazantzakis einen prominenten Übersetzer. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Conrad Westpfahl zu einem führenden Vertreter des deutschen Informel, an dem er bis zu seinem Tod 1976 festhielt. Inge von Holtzendorff-Westpfahl legte mehrere Kurzdramen und Hörspiele vor, die es wiederzuentdecken gilt. Sie starb 1974 in Würzburg.

Der Doppelnachlass Westpfahl/von Holtzendorff-Westpfahl befindet sich heute in Privatbesitz in der Schweiz. Er umfasst u.a. zahlreiche Manuskripte Inge von Holtzendorff-Westpfahls (Dramatik, Hörspiele, lyrische Kurzprosa), das mehrbändige Arbeitsjournal Conrad Westpfahls, in dem er – parallel zur Entstehung der Gemälde – sein künstlerisches Schaffen reflektierte, Typoskripte Conrad Westpfahls (autobiographische Skizzen, Zeitungsbeiträge, Essays), die umfangreiche Korrespondenz der Ehepartner untereinander, eine Sammlung von Zeitungsausschnitten zu ihrem künstlerischen Wirken in Deutschland und Griechenland sowie eine Vielzahl von Fotos. Eine singuläre Quelle für die Exilforschung zu Griechenland bilden die nahezu vollständig erhaltenen Tagebücher von Holtzendorff-Westpfahls aus dem Zeitraum 1921–1973, die auch die Jahre der Emigration detailliert und literarisch suggestiv dokumentieren.

Eine genaue Übersicht zum Doppelnachlass von Conra Westpfahl und Inge von Holtzendorff-Westpfahl kann hier eingesehen werden.

Torsten Israel

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