Athen, Griechenland: Der Nachlass des Theaterregisseurs und Schriftstellers Renato Mordo

Der 1894 als Sohn jüdischer Eltern in Wien geborene Opern- und Schauspielregisseur, Schriftsteller, Schauspieler und Theaterleiter Renato Mordo, zuletzt Oberspielleiter des Hessischen Landestheaters in Darmstadt, ging angesichts der politischen Lage bereits 1932 ins Prager Exil, wo er ein Engagement als Oberspielleiter der Oper des Deutschen Theaters antrat. Wenig später wurde er zudem zum Dozenten für operndramatischen Unterricht und Regie an die dortige Deutsche Akademie für Musik und Darstellende Kunst berufen. Auch für seine Frau, die Schauspielerin Trude Mordo-Wessely (1899 – 1978), ergaben sich in Prag Wirkungsmöglichkeiten, unter anderen beim Film. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei gelang es Renato Mordo und seiner Familie, begünstigt auch durch die Abstammung seines Vaters von der Insel Korfu und einer daraus ableitbaren griechischen (Zweit-)Staatsbürgerschaft, 1939 nach Griechenland auszureisen. In Athen war Mordo an der Gründung der Griechischen Nationaloper beteiligt, förderte die junge Maria Callas, mit der er wiederholt zusammenarbeitete, aber inszenierte auch regelmäßig Schauspiele beziehungsweise Revuen, u.a. am renommierten Kotopouli-Theater. Nach einer nie vollständig aufgeklärten Denunziation wurde er 1943 verhaftet und im deutschen Konzentrationslager Haidari bei Athen interniert. Vor der Deportation in ein Vernichtungslager bewahrte ihn die militärische Lage, die entsprechende Transporte nicht mehr zuließ bzw. der Abzug der deutschen Truppen aus Griechenland im Herbst 1944. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Athen zunächst Lebens- und Schaffensmittelpunkt. Später folgten u.a. Engagements und Regiearbeiten in Ankara, wo Renato Mordo ab 1947 erneut am Aufbau einer Nationaloper beteiligt war, sowie Tel Aviv und Wien. Griechenland blieb er weiterhin als Gastregisseur und Autor von relevanten Beiträgen zu Oper und Theater in der deutschen und auch griechischen Presse verbunden. Von 1952 bis zu seinem Tod 1955 leitete er schließlich die Mainzer Oper.

Der Nachlass von Renato Mordo befindet sich aktuell in Privatbesitz. Die erhaltenen Unterlagen dokumentieren alle Abschnitte der Biographie und des künstlerischen Lebensweges eines ungemein vielseitigen und produktiven Theatermachers. Es handelt sich um Manuskripte und Typoskripte von – überwiegend heiteren – Bühnenstücken und Libretti,  Arbeits- und Archivmaterial zu einer Vielzahl von Inszenierungen, amtliche Urkunden zum Lebenslauf und Fotografien. Dazu kommen Entwürfe für journalistische Arbeiten und vereinzelt Korrespondenz. Als für die Exilforschung ausgesprochen glücklich erweist sich die Tatsache, dass der quantitativ bedeutendste und auch inhaltlich vielleicht aussagekräftigste Teil der Bestände vor allem aus den Jahren der griechischen Emigration stammt oder sich auf diese zurückbezieht. Besonders ist hier auf verschiedene Belege für den Beitrag Renato Mordos zur Entwicklung des griechischen Musiktheaters sowie die beiden Fassungen des Dramas Chaidari hinzuweisen, dem die traumatische Erfahrung der Verschleppung des Verfassers ins Konzentrationslager des gleichnamigen Athener Vorort zugrunde liegt. Ebenso sind die autobiographischen Zeugnisse von Trude Mordo-Wessely und Peter Mordo zum gemeinsamen griechischen Exil hervorzuheben, die – wie andere verwandte Dokumente aus ihrem jeweiligen Nachlass – ebenfalls Eingang in das Konvolut gefunden haben. Ihre Berichte können geradezu als Kommentar bzw. Einführung zu dem aus den Manuskripten und Briefen Renato Mordos zu gewinnenden, beklemmenden Bild von den damaligen deutsch-griechischen Konstellationen verstanden werden und ergänzen dieses prägnant. Eine genaue Übersicht zum Nachlass Mordos kann hier eingesehen werden.

Torsten Israel

Renato Mordo (links, stehend) nach einer Aufführung seiner Inszenierung des Bettelstudenten (Athen, Nationaloper 1944) Archiv Elsbeth und Michael Mordo, Stuttgart
Regiebuch Mordos zu seiner Inszenierung des Sommernachtstraums (Athen, Mousouri-Theater, 1942)
Archiv Elsbeth und Michael Mordo, Stuttgart
Brief Gerhart Hauptmanns an Renato Mordo in Athen (21.10.1942) Archiv Elsbeth und Michael Mordo, Stuttgart
Der griechische Personalausweis Renato Mordos (1942) Archiv Elsbeth und Michael Mordo, Stuttgart