Marbach / Pécs: Karl Kerényis ungarische Korrespondenzen

Im Deutschen Literaturarchiv Marbach wurde der Briefwechsel des ungarischen Altphilologen und Religionswissenschaftlers Karl Kerényi (1897–1973) erschlossen. Der Nachlass Kerényis befindet sich seit 1998 im DLA. Eine Besonderheit liegt in der Mehrsprachigkeit des Bestands, der deutsche und ungarische Korrespondenzen enthält und daher besondere sprachliche und kulturelle Kompetenzen bei der Erschließung erfordert.

Kerényis besondere Bedeutung liegt in seiner originellen Interpretation der klassischen griechischen Mythologie. Er begreift die Göttersagen des Altertums als eine eigenständige Denkform und aktualisiert sie durch ihre existenzialistisch-psychologischen Implikationen auch für den modernen Menschen. Seine wissenschaftliche Laufbahn war bereits früh von internationaler Anerkennung sowie vom regen Austausch mit Intellektuellen wie Thomas Mann, Carl Gustav Jung oder Hermann Hesse begleitet.

Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei wurde Kerényi aus ideologischen Gründen zur persona non grata des neuen sozialistischen Ungarns erklärt. Es erfolgte eine Isolierung im akademischen Leben – nicht ohne den Einfluss von Georg Lukács –, die ihn schließlich ins Exil zwang. Sein klassisch humanistisches Engagement setzte Kerényi auch in seinem Schweizer Exil fort. Er unterstützte politische und kulturelle Institutionen ungarischer Exilierter, pflegte aber auch seine Beziehungen zu den Zurückgebliebenen. Dies spiegelt sich vor allem in den ungarischen Briefen aus dieser Zeit wider, die zum Teil auf abenteuerlichen Wegen zu ihren Adressaten gelangten.

Die Erschließung der umfangreichen Sammlung seiner Schriften und Briefwechsel ist gerade aufgrund von Kerényis international sehr bewegtem Leben mit einer besonderen Herausforderung verbunden, nämlich mit der Mehrsprachigkeit der Korrespondenzen. Einen wichtigen Schritt bei der Erschließung stellte die im Juni 2017 begonnene Zusammenarbeit mit Gastwissenschaftlern vom Lehrstuhl für Klassische Philologie der Universität Pécs dar, wo auch der Nachlass von Kerényis Ehefrau Magda und seine private Bibliothek liegen. In einem sechswöchigen Projekt erschlossen und verschlagworteten die Wissenschaftler Ágnes Csibi-Fekete und Norbert Csibi die ungarischen Briefe aus Kerényis Korrespondenz. Ziel war in diesem Fall neben der Aufnahme der Grunddaten der Korrespondenzen auch eine inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Briefe, die als erste Grundlage für eine geplante kritische Ausgabe des Briefwechsels dient. Die Ergebnisse finden Sie hier. 

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András Lempel