Stanford, Kalifornien: Salo Wittmayer Baron und die Sammlung „Jewish Social Studies“ (Elisabeth Gallas)

Salo Wittmayer Baron, seinerzeit der wichtigste Historiker jüdischer Geschichte in den Vereinigten Staaten, war Kopf und Initiator der 1947 in New York gegründeten Jewish Cultural Reconstruction, Inc. (JCR), die als transnationale Kooperation zentraler jüdischer Organisationen und Einrichtungen antrat, die Funktion einer Treuhandgesellschaft für geraubte Kulturgüter jüdischer Provenienz in Europa zu übernehmen. Zahlreiche von den Alliierten zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Verstecken auf deutschem Territorium aufgefundenen Bücher, Archivalien und Ritualgegenstände wurden mit Hilfe dieser 1949 von der Amerikanischen Militärregierung offiziell anerkannten Organisation an jüdische Gemeinden und Einrichtungen, Universitäten und Bibliotheken weltweit verteilt.

Die JCR zeichnete sich auch dadurch aus, dass hier namhafte Intellektuelle tätig waren, neben Baron etwa Hannah Arendt und Gershom Scholem. Das Unternehmen war von großer symbolischer Bedeutung für das jüdische Weiterleben nach der Katastrophe. Zahlreiche Briefe zwischen den Beteiligten belegen, dass es hier nicht nur um Fragen der Rückerstattung und damit der Restitution eines Rechtsstatus der Juden selbst ging. Darüber hinaus wurde mit der Rettung der materiellen Überreste der europäisch-jüdischen Kultur der Aufbau neuer kultureller Zentren an den Emigrationsorten verbunden. Die Bücher und Objekte wurden dabei zu Gedächtnisträgern ihrer zerstörten Herkunftsorte und ermordeten Besitzer.

Salo Barons Nachlass, der in der Abteilung „Special Collections“ der Stanford University aufbewahrt wird, enthält die wesentlichen JCR-Papiere: Korrespondenzen der beteiligten Akteure, Strategiepapiere, Aufsätze und Resonanzen auf die Vorgänge. Er bildet damit ein zentrales Netzwerk europäisch-jüdischer Intellektueller der Zeit ab und zeigt eine weniger bekannte Dimension ihrer jeweiligen Werkgeschichte auf: ihre umfassende politische Aktivität in der Nachkriegszeit, die sich als Spur in ihrem gleichzeitig verfassten Œuvre eindrucksvoll nachvollziehen lässt.

Die von Baron herausgegebenen „Jewish Social Studies“ dienten in den 1940er Jahren unter anderem als Forum für die Verbreitung der Arbeitsergebnisse der JCR. Im zugehörigen Nachlass finden sich insbesondere Materialien, die das so genannte „Tentative Lists“ Projekt dokumentieren, das unter der Leitung von Hannah Arendt realisiert wurde. Ziel des Projekts war die Anfertigung von detaillierten Verzeichnissen jüdischer Sammlungen, Bibliotheken, Verlage und Bildungseinrichtungen, wie sie vor der Verheerung in Europa bestanden hatten. Jene Verzeichnisse, die zwischen 1946 und 1948 in vier Fassungen in den Jewish Social Studies erschienen, waren einerseits für die Erklärung von Restitutionsansprüchen von entscheidender Bedeutung und stellen andererseits ein bemerkenswertes textuelles Archiv der zerstörten europäisch-jüdischen Kulturlandschaft dar.

Die Ergebnisse der Archivarbeiten werden u.a. für die Vorbereitung des im Verbund vom Franz Rosenzweig Minerva Research Centers Jerusalem, dem DLA und dem DI organisierten Gentner Symposiums „Contested German-Jewish Cultural Property after 1945 - The Sacred and the Profane“, das im September 2016 stattfindet, herangezogen.