São Paulo, Brasilien: Text-Bild-Kartografen – Alice Brill und Vilém Flusser (Clemens van Loyen)

Foto: Alice Brill: „Banca de jornal sob o Viaduto Santa Efigênia", aufgenommen 1953 in São Paulo, Instituto Moreira Salles (IMS), São Paulo.

Vilém Flusser (1920-1991) und Alice Brill (1920-2013) zusammenzudenken erscheint auf den ersten Blick gewagt. Flusser wirkte in Brasilien ab den 1960er Jahren vornehmlich als Professor für Kommunikationstheorie, Brill war Fotografin und Malerin. Dennoch eint beide ein ähnliches Schicksal. Sie fanden als jüdische Flüchtlinge in São Paulo Zuflucht. Brill begann sehr bald am künstlerischen Leben teilzunehmen, leistete fotojournalistische Auftragsarbeiten für das noch im Aufbau befindliche Museu de Arte de São Paulo (MASP) von Pietro M. Bardi und fand Aufnahme in den Kreis der sogenannten Arbeitermaler um Mario Zanini und Alfredo Volpi in São Paulo. Flussers Wege in die intellektuellen Kreise der Stadt waren langwierig und gestalteten sich schließlich so schwer, dass er Anfang der 1970er Jahre nach Europa zurückkehrte, wohingegen Alice Brill bis zu ihrem Lebensende in Brasilien blieb.

Die Konvergenzpunkte ihrer brasilianischen Zeit sind jedoch evident. Um das Überleben ihrer Familien zu sichern, begannen sie früh, einer kommerziellen Tätigkeit nachzugehen. Flusser arbeitete in einer Import-Export-Firma, und Brill nahm schon als 15-Jährige eine Stelle als Buchhändlerin an. Dadurch erlebten beide den Widerspruch zwischen ihrer kommerziellen Arbeit und ihrem künstlerisch-intellektuellen Schaffen und näherten sich ihren Themen abseits der institutionellen Akademie in informellen Kreisen, so über die Zugehörigkeit zu Künstlergruppen wie der „Grupo Santa Helena“.

Ihre Objekte gewannen sie ebenfalls aus der direkten Anschauung ihrer Lebensbedingungen. Während Flusser phänomenologische Betrachtungen über die ihn umgebende Natur und Kultur verfasste, fotografierte Brill den Alltag São Paulos. Brill gehörte mit Flusser zu den ‚Multiplikatoren‘ der brasilianischen Kunst- und Kulturszene. Über Briefe ist ein persönlicher Kontakt belegt, noch wichtiger sind indes ihre künstlerisch-intellektuellen Gemeinsamkeiten, die durch eine Auswertung ihrer Schriften herausgearbeitet werden sollen.