São Paulo, Brasilien: Maria Kahle. Archiv und Bibliothek im Martius-Staden-Institut (Priscilla Lopes d’El Rei)

Im Jahr 1913 entschied sich die damals 22-Jährige Maria Kahle, zu ihrer Tante nach Brasilien zu reisen und sich dort ein neues Leben aufzubauen. Ein Jahr später, 1914, verhinderte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges Kahles Rückkehr nach Deutschland. Sie blieb dann bis 1920, zwei Jahre nach Kriegsende, in Brasilien.

Nach ihrer verhinderten Rückkehr nach Deutschland schrieb Kahle Beiträge und Gedichte für deutschsprachige Zeitungen, die das Deutschtum verherrlichen und den Krieg verklären. Ihr Gedankengut war zudem von einer tiefen katholischen Religiosität geprägt.

Bei den deutschen Auswanderern in Brasilien erlangte Kahle damals große Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie publizierte ihre Gedichte in zahlreichen deutschsprachigen Zeitungen und Kalendern, außerdem veröffentlichte sie fünf Bücher.

Nach ihrer Rückkehr nach Westfalen im Jahr 1920 wurde Maria Kahle als Repräsentantin der westfälischen Literatur und als Vertreterin des deutschen Volkstums im Ausland betrachtet. Während des zweiten Weltkriegs hat sich ihr Prestige als Schriftstellerin und Vertreterin des Volks- und Deutschtums weiter erhöht. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat Kahle der NSDAP bei und unternahm im Jahr 1934 eine Propagandareise nach Südamerika.

Viele ihrer Werke wurden in der Zeitschrift „Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum“, die zwischen 1934 und 1943 erschien, publiziert. Auch in Brasilien sind in den deutschsprachigen Zeitschriften und Kalendern zahlreiche Texte von ihr und über sie erschienen.

Ein Großteil der Dokumente, Privatbriefe, Fotografien, Bücher, Texte und Zeitungsausschnitte von Maria Kahle befindet sich im Archiv und in der Bibliothek im Martius-Staden-Institut. Im Rahmen des Projekts sollen diese Bestände gesichtet und die Rolle Kahles bei der Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie unter den deutschen Auswanderern in Brasilien analysiert werden.