São Paulo, Brasilien: Lasar Segall und die Verfolgung der modernen Künstler. Die sogenannte „Entartete Kunst” in Brasilien und Deutschland (Daniel Rincon Caires)

In Deutschland begann 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten der Prozess der Diffamierung und Beschlagnahmung der als „entartet“, „kommunistisch“ oder „jüdisch“ deklarierten Kunst. Diese Kunstwerke wurden aus den öffentlichen Ausstellungen entfernt und in die Ausstellung „Entartete Kunst“ integriert, die den Zweck erfüllen sollte, nicht nur die Künstler, sondern auch die früheren Leiter des Kulturbetriebs und das frühere Regime der Weimarer Republik zu diffamieren. Gemäß der offiziellen Listen des nationalsozialistischen Regimes wurden 38 Werke von Lasar Segall aus 9 öffentlichen Einrichtungen entfernt. Mindestens 3 davon waren Teil der Ausstellung Entartete Kunst, die zwischen 1937 und 1944 in verschiedenen Städten Deutschlands gezeigt wurde, 11 Werke wurden zerstört. Das Bild Eternos Caminhantes (Die ewigen Wanderer), das dem Stadtmuseum Dresden gehörte und ebenfalls in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt wurde, konnte nach dem Krieg von der Familie Segall wiedererworben werden und ist heute Teil des Lasar Segall Museums. Es ist noch immer möglich die Wege der Werke nachzuverfolgen, die durch Konfiszierung oder durch notgedrungene Verkäufe aus Privatsammlungen verschwunden sind.

In Brasilien wurde die Verfolgung der Kunst der Moderne zum einen durch das totalitäre Regime des Estado Novo (1937-1945) angeführt, der durch die Überwachung und Kontrolle der kulturellen Aktivitäten eine Vielzahl von Dokumenten produzierte, die eine Verbindung zwischen der Kunst der Moderne, politischer Subversion, moralischer Degeneration, Fremdinfiltration etc. suggerierten. Lasar Segall stand unter besonderer Beobachtung, wie kürzlich offengelegte Dokumente aufgedeckt haben. Zum anderen wurden Lasar Segall und seine Kunst durch die Aktivitäten einiger Pressemitarbeiter Opfer einer Diffamierungskampagnie, die weitgehend an das nationalsozialistische Konzept der Diffamierung moderner Kunst angelehnt war und sich während der Segall-Ausstellung in Rio de Janeiro 1943 besonders zuspitzte. Zu dieser Zeit waren die Anschuldigungen so gravierend, dass einige Kunst- und Kulturkritiker (Oswald de Andrade, Ruben Navarra, Osório Borba) beschlossen, für Segall Partei zu ergreifen. Dies löste eine Kontroverse aus, die sich über einige Zeit in den Zeitungen und Zeitschriften ausbreitete. Ein Teil der Öffentlichkeit schien mit den Anklägern übereinzustimmen, da sich sowohl in der Ausstellung in Rio de Janeiro 1943 als auch in anderen Ausstellungen Fälle von Vandalismus gegen die Werke Segalls und die anderer moderner Künstler ereigneten.