Marbach: Briefe von Erich Auerbach und Leo Spitzer an Süheyla Bayrav (Jasmin Azazmah)

Im Rahmen des Projektes Global Archives Türkei bemüht sich das Deutsche Literaturarchiv Marbach um die bi-nationale Archivierung und Erforschung von Korrespondenz aus dem Arbeitskontext um Erich Auerbach (1892-1957) und Leo Spitzer (1887-1969). Spitzer und Auerbach lehrten nach ihrer Flucht aus Deutschland und vor der Emigration in die USA ab 1933 bzw. 1936 an der neu gegründeten Universität Istanbul. Dort gehörte Süheyla Bayrav zur ersten Generation ihrer Schüler und Mitarbeiter. Als Professorin war sie später weltweit vernetzt und lud unter anderem Roland Barthes und Michel Foucault nach Istanbul ein. Um die Jahreswende 2015/16 konnte das DLA bislang unbekannte Briefe von Erich und Marie Auerbach sowie Leo Spitzer an die türkische Romanistin erwerben, die sich im Besitz von Bayravs Tochter, Fatma Erkman, befanden.

Die Korrespondenz mit Erich Auerbach, die den größten Teil des Bestands ausmacht, erstreckt sich von 1946 bis zum Tod des Literaturwissenschaftlers im Jahr 1957. Neben der Emigration in die USA dokumentiert sie Auerbachs fortgesetzte Anteilnahme an den Geschicken der Istanbuler romanistischen Abteilung: Auerbach kommentiert Bayravs Forschung ausführlich und kollegial („si je dis que vous vous arrêtez à mi-chemin, c’est que je vous critique comme une des ‚nôtres’, pas comme une débutante“). Er bittet um regelmäßigen Bericht aus Istanbul („Il faut que vous m’écriviez plus souvent, puisque mes correspondants allemands ont presque tous quitté Istanboul [sic]!“) und setzt die ehemaligen Schüler seinerseits mit in den USA gewonnenen Kontakten in Verbindung.

Auerbachs Briefe an Bayrav relativieren ein bereits fragwürdig gewordenes Verständnis vom Exil deutscher Literaturwissenschaftler in der Türkei. Im Nachwort seines in Istanbul entstandenen Hauptwerks „Mimesis“ (1946) beklagt Auerbach die schlechten Forschungsbedingungen in der Türkei – zwei Jahre später hebt er gegenüber Bayrav dagegen die positive Ausnahmesituation in den USA hervor („je voudrais terminer quelques travaux qui me prendront ce qui me reste de vie, et que je ne peux le faire qu’en ce pays, actuellement. C’est pour cela que je suis parti.“). Als Belege komplexer Migrationsprozesse leisten die bisher einzigartigen Dokumente daher einer internationalen Geschichte der Philologien – einer „World Philology“ – Vorschub.