Istanbul, Türkei: Fakir Baykurt. Korrespondenzen aus seiner Zeit in Deutschland (Nesrin Tanç)

Fakir Baykurt wurde 1929 als Tahir Baykurt 1929 in Burdur (Türkei) geboren, ab 1941 besuchte er das reformpädagogische Dorfinstitut in Isparta und zählte damit zu den ersten Absolventen, da die Dorfinstitute erst im selben Jahr in der Türkei gegründet wurden. Der stellvertretende Bildungsminister Hasan Ali Yücel beabsichtigte mit seinen humanistischen Reformen die Landbevölkerung zu alphabetisieren und eine humanistisch gebildete, anatolische Elite hervorzubringen. Baykurt wurde somit vom ,türkischen Humanismus’ geprägt, wie er in Kader Konuks „East West Mimesis“ (2010) beschrieben wird. 1950 reiste Baykurt zum ersten Mal nach Istanbul und traf dort das Ehepaar Abidin und Güzin Dino, die Assistentin Auerbachs an der Universität Istanbul, die ihn zum Schreiben von Romanen ermutigte.

1962 wurde sein drittes Kind (Tonguç) geboren, dem er den Namen seines Ziehvaters İsmail Hakkı Tonguç gab. İsmail Hakkı Tonguç ist Initiator der reformpädagogischen Dorfinstitute der Türkei und Schüler des Münchener Pädagogen Georg Kerschensteiners, der in Deutschland mit maßgeblichen Ideen zur Gründung der Volks- und Berufsschulen beigetragen hat.

Kurz vor seiner Immigration nach Deutschland wurde Baykurt Berater im Kultusministerium. In dieser Funktion bereiste er die Schweiz, Deutschland und die Niederlande und begann seine Recherche zu den Lebensverhältnissen der türkischen Bevölkerung in Deutschland. Ab 1979 bis zu seinem Tod lebte er in Duisburg, wo er eine Trilogie, einen Roman und mehrere Erzählungen über das Ruhrgebiet verfasste.

Knapp 50 Jahre danach lässt sich anhand der Arbeit und des Wirkungskreises von Baykurt sagen, dass er İsmail Hakkı Tonguçs reformpädagogische Impulse nach Deutschland - ins Ruhrgebiet - überliefert hat, wo sie in Baykurts pädagogischen Lehrmaterialien sowie seiner Lehrpraxis Eingang gefunden haben. Dies sind Knotenpunkte, an denen sich der Transfer kulturellen Wissens nachvollziehen lässt.

Abidin Dino illustrierte bereits 1931 Bücher von Nazim Hikmet, so auch später für Baykurt, der wiederum Abidin Dino bis in die 90er Jahre immer wieder durch Ausstellungen und Veröffentlichungen zu einer Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit in Nordrheinwestfalen verhalf. Briefe von Baykurt an Abidin Dino befinden sich im Abidin Dino Archiv des Sakıp Sabancı Museums.

Während seiner Jahre in Duisburg pflegte Baykurt weiterhin seine Kontakte in der Türkei. Baykurt bittet Hüsamettin Bozok, ihm Literatur in türkischer Sprache zu schicken. Baykurt half so auch den Bestand an türkischsprachiger Literatur in der Duisburger Stadtbibliothek aufzubauen.

Teile des Nachlasses von Fakir Baykurt befinden sich bei seiner Tochter Işık Baykurt in Istanbul, sowie auch in der Privatsammlung von Kemal Yalçın in Bochum und in der Yeditepe Universität in Istanbul.

Anhand der Briefe an Abidin Dino lassen sich nicht nur die Bemühungen Baykurts um seine Kontakte in die türkische Kunst- und Literaturwelt nachzeichnen, sondern auch seine Unterstützung der griechisch-türkischen Freundschaft: „Vor 2-3 Tagen haben wir uns in Köln Zülfü [Livaneli] und Mikis Theordorakis angehört und gemeinsam beschlossen, die türkisch-griechische Freundschaft aus Europa zu unterstützen.“ (Brief 2022)