Istanbul, Türkei: Andreas David Mordtmann und die protestantische Gemeinde in Istanbul (Tobias Völker)

Im Jahr 1845 eröffneten Hamburg, Bremen und Lübeck eine Gesandtschaft in Istanbul nach mehrjährigen Verhandlungen mit der dortigen Regierung. Auch 200 Jahre nach der faktischen Auflösung des Hansebundes firmierten die drei Stadtstaaten noch immer unter dem Namen Hanse und betrieben eine gemeinsame Außenpolitik. Die Gesandtschaft in Istanbul sollte, ebenso wie die zahlreichen Auslandsvertretungen weltweit, vor allem die Handelsinteressen der drei Städte vertreten, jedoch auch ein Anlaufpunkt sein, für all jene, die aus finanzieller Not oder Abenteuerlust aus Deutschland kamen. Die Gesandtschaft war primär für Bürger der Hansestädte zuständig, sie setzte sich aber auch für die Interessen der deutschen evangelischen Gemeinde in Istanbul ein, die sich in jener Zeit zu organisieren begann und mehrere Institutionen ins Leben rief. Koordiniert wurden diese Bestrebungen von einer Interessenvertretung, dem sogenannten „Deutschen Wohlthätigkeitsverein“, der sich für die Einrichtung einer Pfarrstelle sowie die Errichtung eines Krankenhauses, einer Schule und eines Friedhofs einsetzte. Auch bei der Gründung des deutschen Kulturvereins „Teutonia“ im Jahr 1847 spielte die evangelische Gemeinde eine nicht unbedeutende Rolle.

Während der gesamten – relativ kurzen – Zeit ihres Bestehens (von 1845 bis 1859) wurden die Geschäfte der hanseatischen Gesandtschaft durch Andreas David Mordtmann (1811-1879) geführt, der eigens für diesen Zweck von Hamburg nach Istanbul umsiedelte. Mordtmann kannte aus seiner Hamburger Zeit den evangelischen Theologen Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der wenige Jahre zuvor ein Heim für verwahrloste Jugendliche – das „Raue Haus“ – ins Leben gerufen hatte, eine Einrichtung, die Mordtmann, selbst aus armen Verhältnissen stammend, sehr bewunderte. Dieses Vorbild spielte eine nicht unbedeutende Rolle für Mordtmanns Entscheidung, sich kurz nach seinem Eintreffen in Istanbul für die Belange der evangelischen Gemeinde und ihre karitativen Projekte zu engagieren. Bald ließ er sich in den Vorstand des „Wohlthätigkeitsvereins“ wählen, in dem zu dieser Zeit ein heftiger Streit um die Ausrichtung der vom Verein betriebenen bzw. geplanten Einrichtungen ausgetragen wurde. Vertreter einer agnostischen, politisch deutsch-national ausgerichteten Gruppierung forderten eine Öffnung des Krankenhauses und der Schule für alle Deutschen, ungeachtet ihrer Herkunft und konfessionellen Zugehörigkeit. Demgegenüber plädierte die Faktion, der auch Mordtmann angehörte, dafür, sich weiterhin auf die Mitglieder der evangelischen Gemeinde zu konzentrieren und sich an jenen deutschen Kleinstaaten zu orientieren, welche die Gemeinde protegierten.

Zu diesem Zeitpunkt war das vor allem Preußen, das mit seiner Diasporafürsorge durchaus auch ganz konkrete außenpolitische Interessen verband: Eine Stärkung des preußischen Einflusses unter den Auslandsdeutschen würde, so hoffte man, zu einer Vormachtstellung auf dem osmanischen Absatzmarkt führen. Für diese Politik der informellen Expansion bedeutete die Eröffnung der hanseatischen Gesandtschaft eine ernstzunehmende Konkurrenz, und zwar nicht nur durch die unmittelbare Rivalität bei der Erschließung der neuen Absatzmärkte, sondern auch durch Mordtmanns Aktivitäten in der deutschen Community, welche bis dahin für die Durchsetzung ihrer Interessen vollständig auf die preußische Gesandtschaft angewiesen war. Damit bildeten Preußen und Hanseaten im „Wohlthätigkeitsverein“ eine gemeinsame Front gegen die Vertreter der großdeutschen, überkonfessionellen Faktion, während sie gleichzeitig um Einfluss innerhalb der evangelischen Gemeinde konkurrierten.

Auch im Kulturverein „Teutonia“, dem zweiten Treffpunkt der kleinen deutschen Gemeinschaft in Istanbul, machte sich die Konkurrenz zwischen den beiden – neben dem österreichischen Internuntius einzigen – deutschsprachigen Gesandtschaften bemerkbar. Mordtmann zeigte auch in diesem Verein Präsenz, besuchte Veranstaltungen und hielt sogar Vorträge. Dass er damit die Sonderstellung des preußischen Gesandten, der zuvor stets alleiniger Ehrengast war, in Frage stellte, war Mordtmann durchaus bewusst, wie seine Briefe belegen. Die spätere Annäherung der Hansestädte an Preußen, die 1866 im Beitritt der Städte zum Norddeutschen Bund gipfelte, radikalisierte seine Ansichten diesbezüglich noch.

Die Archive der deutschen Institutionen in Istanbul – insbesondere des „Wohlthätigkeitsvereins“ und der „Teutonia“ – sind trotz diverser Brände und Umzüge zum Glück weitgehend erhalten geblieben. So können anhand einer Rekonstruktion des Einsatzes Mordtmanns in der deutschen Community in Istanbul nicht nur die Netzwerke der in Istanbul lebenden Deutschen, sondern auch die Auseinandersetzungen um Form und Ausrichtung ihrer im Entstehen begriffenen institutionellen Strukturen nachvollzogen werden. Während über die Entwicklung der sogenannten „Deutschen Kolonie“ in Istanbul in der Zeit nach der Reichsgründung 1871 mehrere substantielle Werke vorliegen, ist gerade die Phase von 1848 bis 1871, als die meisten deutschen Institutionen in Istanbul ins Leben gerufen wurden, noch wenig erforscht.

Mordtmann nahm innerhalb dieses Prozesses eine dezidiert protestantische und zugleich anti-preußische Position ein und grenzte sich von allen überkonfessionellen oder großdeutschen Bestrebungen vehement ab. Eine solche Haltung war nach 1871 nicht mehr zeitgemäß. Die zunehmenden Großmachtambitionen des Deutschen Reiches, die schließlich in der osmanisch-deutschen „Waffenbrüderschaft“ im Ersten Weltkrieg gipfelten, veränderten auch die Gemeinschaft der Auslandsdeutschen in Istanbul grundlegend. In der Aufbauphase der „deutschen Infrastruktur“ in Istanbul jedoch hatte dieser „hanseatische Vorbehalt“ gegen die zunehmende Dominanz Preußens eine sehr gewichtige Stimme, wie sich anhand der Initiativen und Interventionen Mordtmanns in den Institutionen der deutschen Community anschaulich nachvollziehen lässt.