Griechenland: Forschungsüberblick zum deutschsprachigen Exil

Griechenland hat in der Exilforschung bisher wenig Beachtung gefunden. Dabei lässt sich durchaus zeigen, dass eine – wenn auch vergleichsweise überschaubare – Gruppe von Künstlern und Gelehrten, die während der NS-Zeit von politischer oder rassistischer Verfolgung bedroht war, hier oft für mehrere Jahre Zuflucht fand. Zu diesen Emigranten zählten etwa der Theaterregisseur und Schriftsteller Renato Mordo, der Gräzist und Essayist Helmut von den Steinen oder die Archäologen Peter Pennel Kahane und Berta Segall. Zudem zog das Land seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verstärkt Besucher an, deren Lebensweg es aus unterschiedlichen Gründen nahelegt, von einer griechischen Emigration auf Zeit zu sprechen, so bei dem Schriftsteller Werner Helwig, der Archäologin Paula Philippson, dem Maler und Kunsttheoretiker Conrad Westpfahl oder der Dramatikerin Inge von Holtzendorff-Westpfahl. Der später als Romanfigur geradezu populär gewordene Dokumentarist, Fremdenführer und Epistolograph Alfons Hochhauser – für einige der o.g. eine wichtige Kontaktperson – lebte dagegen schon seit 1927 unter teils abenteuerlichen Umständen auf der Halbinsel Pilion bei Volos. Zum komplexen Bild des Exils in Griechenland im weiteren Sinne gehören aber auch die engen Verbindungen des Dichters und Germanisten Rudolf Fahrner, seit 1939 Vertragsprofessor für Deutsche Sprache und Literatur in Athen und seit 1941 Leiter des dortigen Deutschen Wissenschaftlichen Instituts, zu den Verschwörern des 20. Juli um Claus von Stauffenberg. 

Das vermutlich umfangreichste materielle Zeugnis des deutschsprachigen Exils in Griechenland stellt die etwa 500 Bände umfassende Handbibliothek Helmut von den Steinens dar, die sich heute als Sondersammlung im Besitz der Kunsthochschule Athen (Ανωτάτη Σχολή Καλών Τεχνών) befindet. Die Sondierung dieser Bibliothek steht im Mittelpunkt des Forschungsüberblicks zu Griechenland im Rahmen von Global Archives. Mit dem Projekt wird einerseits das Ziel verfolgt, das deutschsprachige Exil in Griechenland stärker als bisher in den Fokus der Forschung zu rücken und neue Hinweise auf Freundschaften und Netzwerke unter Emigranten, gegebenenfalls aber auch auf Exilpressen in Griechenland zu gewinnen. Darüber hinaus sind genauere Rückschlüsse auf die Arbeitsweise des heute vor allem als Übersetzer der Gedichte des Konstantinos Kavafis und Platon-Forscher bekannten, aber auch als Dichter, Ethnologe, Publizist, Kulturhistoriker und Nationalökonom hervorgetretenen Schriftstellers und Gelehrten zu erwarten, dessen Werk es neu zu entdecken gilt.

Parallel zur Bearbeitung der Bibliothek Helmut von den Steinens erfolgt eine erste Sondierung zu weiteren archivalischen Spuren der deutschsprachigen Emigration im Griechischen Literatur- und Geschichtsarchiv (Ελληνικό Λογοτεχνικό και Ιστορικό Αρχείο), dem Allgemeinen Staatsarchiv Griechenlands (Γενικά Αρχεία του Κράτους), dem Historischen Archiv des Benaki-Museums und der Handschriftenabteilung der Gennadius-Bibliothek. 

Torsten Israel