Annandale-on-Hudson, New York: Hannah Arendts Bibliothek im Bard College (Ulrich von Bülow)

Foto: Grabstein Hannah Arendt

Der wissenschaftliche und literarische Nachlass von Hannah Arendt (1906-1975) wurde ihrem Willen entsprechend auf drei Institutionen aufgeteilt. Die meisten ihrer Werkmanuskripte und Briefe vermachte sie der Library of Congress in Washington, DC. Ihre Denktagebücher und die Korrespondenz mit ihren Lehrern Martin Heidegger und Karl Jaspers sowie einige dazugehörige Materialien bekam das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Ihre New Yorker Bibliothek befindet sich seit 1976 im etwa 100 Meilen nördlich gelegenen Bard College in Annandale-on-Hudson, wo Hannah Arendts Ehemann Heinrich Blücher lehrte und wo beide begraben liegen.

Es handelt sich um eine Arbeitsbibliothek ohne bibliophilen Anspruch. Die meisten der etwa 4000 Bücher, Zeitschriften und Sonderdrucke, die nach der Klassifikation der Library of Congress umgeordnet wurden, gehören zu den Sachgruppen Literatur, Philosophie und Geschichte. (Nähere Informationen findet man unter: http://www.bard.edu/arendtcollection). Was die Bände interessant macht, ist ihre Geschichte. Widmungen und Besitzvermerke verraten, dass einige der Bücher in Königsberg angeschafft wurden, wo Hannah Arendt ihre Kindheit verbrachte, andere in ihrem Studienort Marburg oder im Exilland Frankreich. Gelegentlich finden sich Bücher, die früher ihrem ersten Mann Günther Stern (später: Anders) gehörten, und nicht wenige stammen aus der Bibliothek von Heinrich Blücher. Schlägt man ein Buch von John Rewald über Cézanne et Zola“ (Paris 1936) auf, entdeckt man eine Widmung des Verfassers an Walter Benjamin und fragt sich, auf welche Weise dieses Buch in Hannah Arendts Bibliothek gelangte.

Die Bibliothek erzählt auf ihre Weise vom Exil. Aber sie erlaubt auch intensive Einblicke in die Arbeitsweise und die Quellen von Hannah Arendt. Denn glücklicherweise pflegte sie mit dem Stift in der Hand zu lesen, und nicht selten hat sie hinten im Buch eigene Register angelegt. Wer die Werke von Hannah Arendt kennt, den wird es kaum überraschen, dass ihre Ausgaben von Kant, Platon, Aristoteles, Heidegger oder Jaspers intensive Lesespuren aufweisen. Doch es gibt auch Autoren, die sie niemals zitierte, obwohl sie deren Bücher offensichtlich sehr eingehend studiert hat. Karl Löwith zum Beispiel. Offenbar interessierte sich Hannah Arendt schon früh dessen Projekt einer „anthropologischen Grundlegung der ethischen Probleme“, mit dem er sich unausgesprochen gegen den gemeinsamen Lehrer Heidegger wandte. Schon in Löwiths Habilitationsschrift „Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen“ aus dem Jahr 1928 hat Hannah Arendt viele Stellen angestrichen. Intensive Lesespuren finden sich auch in seiner Abhandlung „Meaning in History“, die 1949 in englischer Sprache erschien und ihn in den USA bekannt machte. Sein ebenfalls im Exil erschienenes Buch Von Hegel zu Nietzsche“ las sie in der 2. Auflage von 1949 auf deutsch und außerdem in einer englischen Übersetzung aus dem Jahr 1964. Anhand ihrer Bibliothek lässt sich die bisher unbekannte Auseinandersetzung Hannah Arendts mit Karl Löwith nachvollziehen. Dieses Beispiel, dem sich weitere hinzufügen ließen, zeigt, wie ergiebig die Bibliothek von Hannah Arendt für die Forschung ist.

Obwohl Hannah Arendt bis zu ihrem Lebensende in den Vereinigten Staaten lebte, blieb sie für viele ihrer Mitmenschen wohl in mancher Hinsicht eine Fremde. So lässt sich auch ein Detail auf ihrem Grabstein deuten: Der Steinmetz wusste nicht, wo genau die Punkte auf dem Umlaut „ü“ zu platzieren wären.