Forschung

São Paulo, Brasilien: Lasar Segall: Immigrant, Künstler und Symbolfigur der Juden in der Diaspora (Maria Luiza Tucci Carneiro)

Als Professorin und freie Dozentin der Universität São Paulo und Koordinatorin des Forschungszentrums LEER (Laboratório de Estudos sobre Etnicidade, Racismo e Discriminação) hat Maria Luiza Tucci Carneiro ihren Schwerpunkt in der Antisemitismus- und Holocaust-Forschung. Im Rahmen ihrer Studien beschäftigt sie sich auch mit dem nach Brasilien emigrierten jüdischen Künstler Lasar Segall. Seine zwischen 1936 und 1947 entstandenen Werke beschreibt sie nicht nur als ausdrucksstärkste Darstellungen des Leids der Geflüchteten und Exilierten, sondern auch als früheste Formen des Protests gegen Erniedrigung und Unterdrückung durch totalitäre Regime. Insofern verkörpert Segall für sie eine Symbolfigur der Juden in der Diaspora.

Ihr für das Global Archives-Projekt verfasster Artikel ist hier auf [Deutsch] oder [Portugiesisch] einsehbar.

Auerbach-Bibliothek in Marbach

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat einen Kern der Bibliothek des bedeutenden Romanisten und Literaturtheoretikers Erich Auerbach erworben. Die Bücher wurden von dem in den USA lebenden Enkel Auerbachs, Claude Auerbach, übergeben. Auerbach, der sowohl Jura als auch Romanistik studiert hatte, avancierte zu einem der bedeutendsten Literaturwissenschaftler der Zwischen- und Nachkriegszeit. Sein eigenes Schicksal war von Flucht und Exil geprägt. Im Jahr 1936 floh er vor dem NS-Regime zunächst in die Türkei, wo er sein bedeutendes Werk „Mimesis“ ausarbeitete, später in die USA. Auerbach war ein Mittler zwischen den Kulturen, der sich bei Dante ebenso heimisch fühlte wie bei Flaubert und Thomas Mann und den Begriff der Weltliteratur entscheidend weiterentwickelte. Die Heimat des Philologen sei nicht die Nation, sondern die Erde, konstatierte er in seinem Aufsatz „Philologie der WeltliteraturDie Bibliothek wird aktuell erschlossen. Maßnahmen zur Bestandserhaltung werden initiiert. Mehr

São Paulo, Brasilien: Lasar Segall und die Verfolgung der modernen Künstler. Die sogenannte „Entartete Kunst” in Brasilien und Deutschland (Daniel Rincon Caires)

In seiner Forschungsarbeit untersucht Daniel Rincon Caires (Lasar Segall Museum, São Paulo) die Auswirkung der Kulturpolitik des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland und des Regimes des Estado Novo in Brasilien auf die Werke moderner Kunst. Anhand der Werke des jüdischen Künstlers Lasar Segall, der nach seiner Flucht aus Deutschland nach Brasilien kam, soll zum einen der Prozess der Diffamierung und Vernichtung moderner Kunst in Brasilien mit dem in Deutschland verglichen werden. Zum anderen soll – vor dem Hintergrund der gegen die Werke Segalls gerichteten Ablehnungsbekundungen in Brasilien – nach den Implikationen dieser Kulturpolitik für die öffentliche Wahrnehmung moderner Kunst gefragt werden. Mehr Informationen können hier auf Deutsch oder Portugiesisch eingesehen werden.

Nachlässe und Sammlungen deutschsprachiger Personen im britischen Exil (Ersin Münüklü)

Ersin Münüklü (University of Kent) erstellte mit Hilfe eines zweimonatigen Forschungsstipendiums im November/Dezember 2016 im Rahmen des Projekts Global Archives einen ersten Forschungsüberblick zu deutschsprachigen Exilanten in Großbritannien. Anhand der Recherchen konnten die Bestände zu 265 Künstlern und Wissenschaftlern im britischen Exil sondiert werden, unter ihnen Theodor W. Adorno, Karl Mannheim, Erich Fried, Sigmund Freud, Hilde Domin, Oskar Kokoschka und Stefan Zweig. Die – alphabetisch und nach Professionen geordnete – Übersicht mit Angaben zu Provenienz, Umfang und Struktur der jeweiligen Bestände kann hier eingesehen werden.

Das Frankfurter Institut für Sozialforschung: Nachlässe und Bestände

Marcel Müller (Leipzig) recherchierte im Rahmen von Global Archives die verstreuten Nachlässe und Bestände der emigrierten und teils zurückgekehrten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Im Fokus der Recherche standen dabei die weniger bekannten Intellektuellen. Wo die Nachlassdokumente  von Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno liegen, ist bekannt, aber wo finden sich die Bestände des Ökonomen und Historikers Henryk Grossmann oder des Soziologen und Sinologen Karl August Wittfogel? Mehr

Annandale-on-Hudson, New York: Hannah Arendts Bibliothek im Bard College (Ulrich von Bülow)

Der wissenschaftliche und literarische Nachlass von Hannah Arendt (1906-1975) wurde ihrem Willen entsprechend auf drei Institutionen aufgeteilt. Die meisten ihrer Werkmanuskripte und Briefe vermachte sie der Library of Congress in Washington, DC. Ihre Denktagebücher und die Korrespondenz mit ihren Lehrern Martin Heidegger und Karl Jaspers sowie einige dazugehörige Materialien bekam das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Ihre New Yorker Bibliothek befindet sich seit 1976 im etwa 100 Meilen nördlich gelegenen Bard College in Annandale-on-Hudson, wo Hannah Arendts Ehemann Heinrich Blücher lehrte und wo beide begraben liegen. Es handelt sich um eine Arbeitsbibliothek ohne bibliophilen Anspruch. Mehr

Global Archives Preisfrage 2017

Archive galten lange als bloße Aufbewahrungsstätten mit national oder regional begrenztem Auftrag. Im 21. Jahrhundert erschließen Archive internationale Zusammenhänge und reflektieren ihren Status als Orte historischen Verstehens. Den Archival Turn begleitet die geisteswissenschaftliche Beschäftigung mit Materialität, Cultural Property und Sammlungskonzepten. Provenienzforschung sowie Exil- und Ideengeschichte verbinden sich dabei mit Ansätzen aus der Global History. Mehr

São Paulo, Brasilien: Maria Kahle. Archiv und Bibliothek im Martius-Staden-Institut (Priscilla Lopes d’El Rei)

Priscilla Lopes d’El Rei (Universität Bielefeld, Universität Budapest) beschäftigt sich in ihrem Dissertationsprojekt mit der Schriftstellerin und NS-Kultur-Propagandistin Maria Kahle (1891-1975). Durch eine historische Diskursanalyse soll die Verbreitung nationalsozialistischer Ideologie im Kontext der deutschen Auswanderer in Brasilien erforscht werden. Im Juli 2016 reist Priscilla Lopes d’El Rei mit einem Stipendium im Rahmen des Projektes Global Archives Brasilien nach São Paulo, um im Archiv und in der Bibliothek des Martius-Staden-Instituts Briefe, Zeitungsausschnitte, Dokumente, Fotografien, deutsch-brasilianische Kalender und deutsch-brasilianische Zeitungen auszuwerten. Mehr

Stanford, Kalifornien: Salo Wittmayer Baron und die Sammlung „Jewish Social Studies“ (Elisabeth Gallas)

Elisabeth Gallas (Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, DI) arbeitet anschließend an ihre Dissertation in verschiedenen Kooperationsformen mit dem DLA Marbach zur Geschichte der Restitution von europäischem Kulturraubgut, speziell zu Buchsammlungen jüdischer Provenienz. Mit Hilfe eines Reisestipendiums des DLA Marbach sondiert sie im Nachlass des bekannten jüdischen Historikers Salo Wittmayer Baron (1895-1989) und in der Sammlung der 1939 von ihm gegründeten Zeitschrift „Jewish Social Studies“ an der Universität Stanford die Dokumente, die Aufschluss geben können über Fragen des Verbleibs und Umgangs mit den von den Nationalsozialisten geraubten deutsch-jüdischen Bibliotheken und Archivbeständen nach 1945. Mehr

Istanbul, Türkei: Andreas David Mordtmann und die protestantische Gemeinde in Istanbul (Tobias Völker)

Tobias Völker (Universität Hamburg) untersucht mit einem Global-Archives-Stipendium das Wirken des hanseatischen Gesandten und Orientforschers Andreas David Mordtmann (1811-1879) in Istanbul. Dieser lebte von 1846 bis zu seinem Tod im Jahr 1879 in Istanbul und engagierte sich dort v.a. in der Evangelischen Gemeinde und dem eng damit verbundenen „Deutschen Wohlthätigkeitsverein“, aber auch im Kulturverein „Teutonia“. Ausgehend von Mordtmann sollen die damaligen Netzwerke der in Istanbul lebenden Deutschen sowie die Auseinandersetzungen um Form und Ausrichtung ihrer institutionellen Strukturen nachvollzogen werden. Mehr

Istanbul, Türkei: Fakir Baykurt. Korrespondenzen aus seiner Zeit in Deutschland (Nesrin Tanç)

Nesrin Tanç (Institut für Turkistik, Universität Duisburg-Essen) beschäftigt sich im Rahmen ihres Dissertationsprojekts mit dem transnationalen Austausch kulturellen Wissens, speziell zwischen Deutschland und der Türkei. Im Rahmen des Projektes Global Archives Türkei erforscht sie die Rolle von Fakir Baykurt (1929-1999) in der deutsch-türkischen Wissensvermittlung. Fakir Baykurt emigrierte 1979 nach Deutschland und baute im Ruhrgebiet ein historisch bedeutsames Netzwerk exilierter und immigrierter Autoren aus der Türkei auf. Neben Yaşar Kemal gilt Baykurt als ein bedeutender Vertreter der sozialkritischen Literatur. Mehr

São Paulo, Brasilien: Text-Bild-Kartografen – Alice Brill und Vilém Flusser (Clemens van Loyen)

Clemens van Loyen (Universität München) befasst sich im Rahmen seines Dissertationsprojekts mit Vilém Flusser und dessen geistigen Weggefährten. Mit einem Global-Archives-Brasilien-Stipendium erforscht er den künstlerisch-intellektuellen Austausch zwischen Alice Brill und Vilém Flusser, die beide als jüdische Exilanten nach São Paulo kamen. Das Forschungsvorhaben besteht zum einen in der biografischen und geistigen Zusammenführung der beiden Intellektuellen und zum anderen in der Untersuchung von Text-Bild-Registern zur Stadt São Paulo, die von der essayistischen und künstlerischen Auseinandersetzung mit dieser Stadt zeugen. Hierfür werden v.a. die Bestände des brasilianischen Flusser-Archivs (Korrespondenz Flussers mit Alice Brill) sowie das Foto- und Bildmaterial des Instituto Moreira Salles (IMS) und des Museu de Arte de São Paulo (MASP) analysiert. Mehr

Istanbul, Türkei: Traugott Fuchs Cultural and Historical Archive (Moritz Meutzner)

Moritz W. Meutzner (University of Minnesota, Minneapolis) arbeitet im Rahmen seines Dissertationsprojekts zum deutschen und deutsch-jüdischen Exil in der Türkei und den USA zum transnationalen Arbeitsumfeld der renommierten Philologen Erich Auerbach (1892–1957) und Leo Spitzer (1887–1960), die nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten beide in der Türkei sowie in den USA gelehrt haben. Im Rahmen des Projekts Global Archives Türkei des Deutschen Literaturarchivs Marbach wird er sich im Juli 2016 für seine Forschungen auf dem Campus der Bosporus Universität (Bogaziçi Üniversitesi) in Istanbul aufhalten und am Bestand des “Traugott Fuchs Cultural and Historical Archive” arbeiten. Mehr

Marbach: Briefe von Erich Auerbach und Leo Spitzer an Süheyla Bayrav (Jasmin Azazmah)

Jasmin Azazmah (Universität Stuttgart, Institut für Literaturwissenschaft, Abt. Neuere deutsche Literatur I) arbeitet im Rahmen des Projekts Global Archives Türkei an der Korrespondenz zwischen Erich und Marie Auerbach sowie Leo Spitzer und der türkischen Romanistin Süheyla Bayrav. Auerbach und Spitzer lehrten nach ihrer Flucht aus Deutschland ab 1933 bzw. 1936 an der Universität Istanbul. Dort gehörte Bayrav zur ersten Generation ihrer Schüler und Mitarbeiter. Mehr

Rio de Janeiro, Brasilien: Die Sammlung Koogan (Manuela Thoma)

Manuela Thoma (Universität Tübingen) arbeitet an ihrer Doktorarbeit, die sich mit "Stefan Zweig und der europäischen Moderne" befasst. Im Januar und Februar 2016 forschte sie mit einem Global-Archives-Brasilien-Stipendium in Rio de Janeiro und Petrópolis. In der Brasilianischen Nationalbibliothek beschäftigte sie sich eingehend mit der Sammlung Koogon, in welcher neben der privaten Korrespondenz von Stefan, Friderike und Lotte Zweig auch geschäftliche und juristische Dokumente liegen. Benannt ist die Sammung nach dem brasilianischen Verleger und Freund Stefan Zweigs, Abrahão Koogon, der die Sammlung der Brasilianischen Nationalbibliothek vermacht hatte.  Mehr

Marbach: Vier Forschungsstipendien im Projekt Global Archives Türkei

An Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, die für ihre Projekte in Bibliotheken und Archiven in Istanbul recherchieren werden, hat das Deutsche Literaturarchiv Marbach - beraten von der Mercator-Stiftung - vier Forschungsstipendien vergeben. Die Stipendien gingen an Moritz W. Meutzner (University of Minnesota), Nesrin Tanç (Universität Duisburg-Essen), Serpil Yokus (Universität Bochum) und Tobias Völker (Universität Hamburg).

Marbach: Drei Forschungsstipendien im Projekt Global Archives Brasilien

Gemeinsam mit dem Romanischen Seminar der Universität zu Köln wurden drei Stipendien an Nachwuchswissenschaftlerinnnen und Nachwuchswissenschaftler vergeben, die für ihre Forschungsprojekte in brasilianischen Archiven und Bibliotheken recherchieren werden: Die Stipendien gingen an Manuela Thoma (Universität Tübingen), Clemens van Loyen (Universität München) und Priscilla Lopes d'El Rei (Universität Bielefeld).

Marbach: A 'etnologia' de José Antonio Benton (Patrícia da Silva Santos)

Dr. Patrícia da Silva Santos (São Paulo) war 2014 zu einem mit einem Hilde-Domin-Stipendium geförderten Forschungsaufenthalt am Deutschen Literaturarchiv Marbach zu Gast. Sowohl im DLA als auch im Stadtarchiv Stuttgart konnte sie Teile des Nachlasses von José Antonio Benton (vulgo Hans Gustav Elsas) konsultieren. Benton, 1894 in der württembergischen Hauptstadt geboren, floh 1936 vor den Nationalsozialisten nach Brasilien. Dort unterrichtete der Altphilologe mehrere Jahre an der Universidade de Assis. Er verstarb 1986 in Niterói. In Brasilien verfasste Benton Romane und Erzählungen in deutscher Sprache. Santos' Artikel (auf Portugiesisch) ist hier zu lesen.