São Paulo, Brasilien: Nachlass Helmut Andrä

Bild: Helmut Andrä, Wer baute den ersten Hochofen in Brasilien?, Martius-Staden-Institut, São Paulo.

Im Martius-Staden-Institut São Paulo hat das Projekt Global Archives Brasilien mit der Erschließung des umfangreichen Nachlasses von Helmut Andrä begonnen. Damit soll einer über die deutschsprachige Gemeinschaft in Brasilien hinaus kaum gewürdigten Persönlichkeit und ihren Verdiensten um das deutsche Schulwesen in Brasilien und die deutsch-brasilianischen Beziehungen zu mehr Beachtung verholfen werden.

Dem Martius-Staden-Institut, welches Andräs Nachlass erwarb, war er lange Jahre eng verbunden. Zum Nachlass Andrä gehören eine umfangreiche Korrespondenz mit etwa 4.000 Briefen, zahlreiche unveröffentlichte Manuskripte, eine unvollendet gebliebene Autobiographie sowie die umfangreiche Bibliothek Andräs mit den Schwerpunkten Regionalkunde und Geschichte Brasiliens.

Andrä, 1909 in Chemnitz geboren und im Erzgebirge aufgewachsen, kam als Vierzehnjähriger zusammen mit seinem älteren Bruder nach Brasilien und schlug sich zunächst als Hilfsarbeiter auf Plantagen im Süden des Landes durch. 1929 schloss er eine pädagogische Ausbildung am Evangelischen Lehrerseminar von São Leopoldo (Rio Grande do Sul) ab und arbeitete fortan als Lehrer in deutschen Schulen in Santos, Porto União, Niterói und São Paulo. Im Zuge des weitgehenden Verbots der deutschen Sprache in Brasilien ab 1942 sah sich Andrä gezwungen, das Berufsfeld zu wechseln und arbeitete einige Jahre als Handelsvertreter, bevor er 1958 Repräsentant der Deutschen Buch-Gemeinschaft wurde. 1961 eröffnete er die Bücherstube Brooklin im gleichnamigen Stadtteil São Paulos, die bis heute existiert. 

Neben seiner Tätigkeit im Schulwesen und später in der Wirtschaft galt Andräs Interesse der Geschichte Brasiliens im Allgemeinen und dem Engagement deutschsprachiger Personen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Brasilien. Während seines langen Lebens – Andrä verstarb 2012 über hundertjährig in São Paulo – forschte und schrieb Andrä mit unermüdlichem Eifer, hatte jedoch nur wenig Gelegenheit zu publizieren, so dass ein Großteil seiner Essays und Abhandlungen nie gedruckt wurde. Beachtung fand der prächtige Band „Americae Praeterita Eventa", den er 1966 gemeinsam mit Edgar de Cerqueira Falcão herausgab, sowie seine vom Martius-Staden-Institut veröffentlichte Studie zu Francisco Adolfo de Varnhagen (1958), der als Begründer der brasilianischen Historiographie gilt.